Evidenzbasierte Resilienz-Strategien: Was wirklich wirkt
Es gibt eine Reihe von Untersuchungen zu Schichtdienst/Nachtschichten, polizeilicher, rettungsdienstlicher, einsatzbedingter Stressoren, und welche Strategien wirken. Einige davon wollen wir in dieser Artikelserie betrachten. Es ist eine Auswahl an evidenzbasierten, also auf Wirksamkeit untersuchten Methoden. Vorgeschichte verpasst? Hier geht’s zum ersten Teil.
TLDR? Bottom line up first!
Artikel II von III liefert fünf Strategien für Resilienz für Einsatzkräfte sowie sofort anwendbare Mikro‑Interventionen, wie z.B.:
Und erklärt genau, wann und wie sie im Einsatzalltag funktionieren und belegt die Notwendigkeit organisatorischer Rahmenbedingungen mit deutschen Leitlinien und Praxisempfehlungen. Alle Strategien aufbereitet als Take-Away im Downloadbereich. Hier lang zu Teil I. Key Words: Einsatzkräfte, Resilienz |
Strategie 1: Mikro-Regeneration statt Makro-Auszeiten
Das Problem mit klassischen Erholungskonzepten: Sie setzen längere, zusammenhängende Zeiträume voraus (Urlaub, freie Wochenenden, Abende). Für Einsatzkräfte sind diese oft nicht verfügbar oder werden durch Rufbereitschaft, Überstunden oder Schichtdienst fragmentiert.
Eine Alternative sind Mikro-Regeneration – kurze Erholungsfenster von 30 Sekunden bis 5 Minuten, die in den Arbeitsalltag integriert werden.
Die Wissenschaftliche Grundlage bildet Forschung zur Psychophysiologie. Sie zeigt, dass bereits kurze Interventionen messbare Effekte auf Herzratenvariabilität, Cortisolspiegel und subjektives Stresserleben haben. Entscheidend ist nicht die Dauer, sondern die Regelmäßigkeit. Das Trainingsprinzip von Umfang und Intensität kennen wir aus dem Sport.
3 praktische Tools für Micro-Regeneration

Strategie 2: Schlafhygiene unter Extrembedingungen
Die Realität ist: Schichtarbeit zerstört systematisch gesunde Schlafmuster. Einsatzkräfte schlafen im Durchschnitt 1-2 Stunden weniger als empfohlen, haben fragmentierten Schlaf und leiden unter chronischer Schlafschuld.
Warum es kritisch ist, wissen wir: Schlafmangel reduziert Entscheidungsfähigkeit, Reaktionszeit, emotionale Regulation und Immunfunktion. Langfristig erhöht er das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Depression und kognitive Beeinträchtigungen massiv.
Was nicht hilft: Ratschläge wie „Gehen Sie früher ins Bett“ oder „Schlafen Sie 8 Stunden“ sind unter Schichtarbeitsbedingungen realitätsfern.
4 praktische Tools zur Schlafhygiene

Strategie 3: Soziale Unterstützung aktivieren
Die Forschungslage: ist da sehr eindeutig: Soziale Unterstützung ist einer der stärksten Schutzfaktoren gegen Stress, Trauma und Burnout. Aber: Nicht jede Form sozialer Interaktion wirkt schützend.
Was nicht funktioniert:
– Erzwungene Team-Events
– Oberflächliche „Wie geht’s?“-Rituale
– Therapie-artige Gespräche mit Nicht-Einsatzkräften
4 praktische Tools für mehr Netzwerk-Support

Strategie 4: Körperliche Gesundheit unter Zeitdruck
Das Paradoxe ist ja: Einsatzkräfte müssen körperlich fit sein, haben aber oft keine Zeit für Sport und ernähren sich ungesund.
Was nicht funktioniert:
– „Gehen Sie 3x pro Woche ins Fitnessstudio“
– „Kochen Sie frisch“
– „Verzichten Sie auf Fastfood“
4 praktische Tools für körperliche Gesundheit

Strategie 5: Kognitive Strategien gegen Kopfkino
Das Problem: Nach vielen Einsätzen kreisen die Gedanken, man kann nicht abschalten. Schlafmangel verstärkt… „Hätte ich anders handeln müssen?“ „Habe ich einen Fehler gemacht?“ „Was, wenn…?“ Diese Rumination (Overthinking) verhindert Erholung und führt zu Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen und emotionaler Erschöpfung.
Was nicht hilft:
– „Denk nicht daran“ (funktioniert nicht, verstärkt Gedanken)
– „Rede darüber“ (kann Rumination verstärken)
– Ablenkung durch Substanzen (nur Kurzzeit-Kompensation, Alkohol verschlimmert langfristig)
4 praktische Tools gegen Kopfkino

Alle Tools gibt es als Bundle im Downloadbereich.
Quellen und Weiterführendes unten stehend. Oder schau hier zu Teil I.
Verweise
- Bundesarbeitsgemeinschaft Psychosoziale Notfallversorgung (BAG‑PSNV). (o. J.). Leitfaden Psychosoziale Notfallversorgung / Peer‑Support‑Konzepte. BAG‑PSNV. https://www.bag-psnv.de/leitfaden
- Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). (o. J.). Positionspapier: Schichtarbeit und Gesundheit. DGSM. https://www.dgsm.de (Positionspapier/Publikationen dort abrufbar)
- Laborde, S., Allen, M. S., Borges, U., Dosseville, F., Hosang, T. J., Iskra, M., Mosley, E., Salvotti, C., Spolverato, L., Zammit, N., et al. (2022). Effects of voluntary slow breathing on heart rate and heart rate variability: A systematic review and meta‑analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 138, 104711. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2022.104711
- Manzoni, G. M., Pagnini, F., Castelnuovo, G., & Molinari, E. (2008). Relaxation training for anxiety: A ten‑year systematic review with meta‑analysis. BMC Psychiatry, 8, 41. https://doi.org/10.1186/1471-244X-8-41
- Fritz, C., Lam, C. F., & Spreitzer, G. (2011). It’s the little things that matter: An examination of microbreaks and recovery at work. Journal of Applied Psychology, 96(3), 513–529.
- Dutheil, F., Danini, B., Bagheri, R., Fantini, M. L., Pereira, B., Moustafa, F., Trousselard, M., & Navel, V. (2021). Effects of a short daytime nap on cognitive performance: A systematic review and meta‑analysis. International Journal of Environmental Research and Public Health, 18(19), 10212. https://doi.org/10.3390/ijerph181910212
- Tannenbaum, S. I., & Cerasoli, C. P. (2013). Do team and individual debriefs enhance performance? A meta‑analysis. Journal of Applied Psychology, 98(2), 237–249.
- Mesas, A. E., et al. (2022). Is daytime napping an effective strategy to improve sport‑related cognitive and physical performance and reduce fatigue? A systematic review and meta‑analysis. British Journal of Sports Medicine.