Was Maschinen über uns verraten – und warum echte High Performer Pausen machen
Wir leben in einer Zeit, in der Maschinen uns spiegeln, was wir über uns selbst glauben: dass wir grenzenlos funktionieren müssten. Doch menschliche Leistungsfähigkeit folgt anderen Gesetzen.
TLDR?/Bottom line up first!
Human Operations im KI-Zeitalter
Key-Words: Human Operations, HumanOps, Selbstführung, Human Factors, Human Performance & Limitations |
Psychologie trifft Moderne – Chaplin und KI im Dialog
Charly Chaplin hat in Modern Times gezeigt, was heute aktueller ist denn je: den Menschen, der sich dem Rhythmus der Maschine anpasst, bis er selbst wie eine Maschine funktioniert.
Damals war es das Fließband.
Heute sind es Algorithmen, Kalender, Notifications, ständige Erreichbarkeit und der stille Anspruch, immer „on“ zu sein.
Parallel dazu erleben wir eine technologische Entwicklung, die unser Selbstbild herausfordert. Patrick Krauss beschreibt in seinem Werk über KI und Hirnforschung, dass moderne neuronale Netze zwar inspiriert sind vom Gehirn, aber dennoch „technische Systeme bleiben, die nur bestimmte kognitive Funktionen abbilden“ (Krauss, 2023).
Damit wird klar:
Wir bauen keine Kopien von uns selbst — wir bauen Werkzeuge.
Und doch passiert etwas Spannendes: Das Bild, das wir von Maschinen haben, prägt zunehmend das Bild, das wir von uns selbst haben.
Maschinenbild = Selbstbild?
Wir erwarten von Maschinen Effizienz, Fehlerfreiheit, Dauerbetrieb.
Wenn sie Updates brauchen, Akkus leer sind oder ein Ersatzteil fällig wird, nervt uns das.
Unbewusst übertragen wir diese Erwartung auf uns selbst:
- Pausen wirken wie Schwäche
- Grenzen wie Störungen
- Erschöpfung wie ein Defekt
- Emotionen wie ein Bug im System
Dabei zeigt die Technik selbst, dass Belastbarkeit ohne Regeneration nicht existiert. Kein System – biologisch oder technisch – läuft ohne Wartung.
Echte High Performer brauchen keine Pause – sie nehmen sie
In meiner Arbeit mit Spezialkräften, Spitzensportlern und Unternehmern zeigt sich ein Muster, das sich durch alle Bereiche zieht:
Die wirklich Leistungsfähigen folgen nicht dem vermeintlichen Maschinenideal. Sie folgen biologischen Prinzipien und individuellen Kompetenzen. Frank, Fritz und Strigel (2020) formulieren es treffend:
„Spitzensportler lernen früh, dass Regeneration genauso entscheidend ist wie Belastung.“
Sie haben das Grundprinzip von High Performance verstanden:
- Belastung ist nur die eine Seite der Waage
- Entlastung ist die andere
- Regeneration ist kein Luxus, sondern Leistungsfaktor
- Werte, Motive und Ziele müssen in Deckung sein
- Stress ist nicht der Feind, die fehlende Regulation ist es
Das ist der Unterschied zwischen High Potential und High Performance. High Potential ist ein Versprechen. Echte High Performance ist eine Praxis – unsere Selbstführungspraxis.
Human Performance & Limitations – was uns wirklich steuert
Wenn wir über menschliche Leistungsfähigkeit sprechen, sprechen wir über ein System, das komplexer ist als jede Maschine.
Drei wissenschaftliche Bereiche sind hier zentral:
-
Human Factors
Wie Menschen in komplexen Umgebungen handeln, entscheiden und Fehler machen.
Hier geht es um:
- Aufmerksamkeit
- Wahrnehmung
- Entscheidungslogik
- Stressreaktionen
- Teamdynamiken
-
Human Performance & Limitations
Die biologischen Grenzen unseres Nervensystems:
- begrenzte kognitive Ressourcen (Cognitive Load)
- begrenzte Stresskapazität
- begrenzte emotionale Regulation
- begrenzte Energie
-
Goal-Directed Behavior (Steve Davidson)
Steve Davidson beschreibt Menschen als Goal-Seeking-Systems:
„Indem wir Bedürfnisse identifizieren und die nötigen Schritte einleiten, erhöhen wir die Chance auf Zufriedenheit und Wirksamkeit“ (Davidson, 2017).
Drei Motive der Motivforschung steuern uns besonders stark:
- Leistungsmotiv (etwas gut machen, wachsen, meistern)
- Machtmotiv (wirksam sein, Einfluss haben, gestalten)
- Anschlussmotiv (Verbundenheit, Zugehörigkeit, Anerkennung)
Wenn diese Motive unbewusst wirken, verhalten wir uns oft wie Maschinen: funktionierend, getrieben, ohne innere Orientierung und Klarheit. Wenn sie bewusst werden, kann Selbstführung entstehen.
Was uns die Technik heute wirklich zeigt
Technik kann uns verführen – oder lehren.
Wir können:
- uns von Social Media, Kalendern und Notifications treiben lassen
- oder verstehen, dass auch wir Ladephasen, Updates und Instandhaltung brauchen
Wir können:
- uns dem Rhythmus der Maschinen anpassen
- oder die Technik als Werkzeug nutzen, um menschlicher zu arbeiten
Die Frage ist nicht, ob KI kommt. Die Frage ist, welche Absicht wir mit ihr verfolgen.
HumanOps – ein wissenschaftlich fundierter Blick auf Selbstführung
Wenn wir Human Operations ernst nehmen, geht es nicht darum, Menschen an Maschinenrhythmen anzupassen. Es geht darum, menschliche Systeme so zu gestalten, dass sie funktionieren können — biologisch, psychologisch und sozial.
Der Begriff HumanOps stammt aus Steve Davidsons Ansatz der Human Operations Psychotherapy. Davidson beschreibt Menschen als „Goal-Seeking Systems“: zielgerichtete, selbstorganisierende Systeme, die versuchen, innere Bedürfnisse und äußere Anforderungen in Einklang zu bringen (Davidson, 2017). Dieses Verständnis deckt sich mit der Rubikon-Theorie der Handlungsphasen (Heckhausen & Gollwitzer), der Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan) und der klassischen Motivforschung (McClelland, Heckhausen).
HumanOps[1] integriert drei wissenschaftlich fundierte Ebenen:
- Zielprozesse & Motive: Menschen handeln nicht zufällig, sondern motivbasiert. Leistung, Macht und Anschluss sind zentrale unbewusste Treiber.
- Selbstregulation & Belastungssteuerung: Stress ist nicht das Problem – fehlende Regeneration ist es. Cognitive Load (Sweller), Stressphysiologie (McEwen) und Vigilanzmodelle (Hancock) zeigen: Leistungsfähigkeit braucht Rhythmus.
- Kontext & Technik: Maschinen sind Werkzeuge, keine Maßstäbe. Krauss (2023) betont, dass KI zwar vom Gehirn inspiriert ist, aber keine menschlichen Bedürfnisse kennt.
HumanOps ist kein Wellness-Konzept, sondern ein systemisch-motivationspsychologischer Ansatz zur Gestaltung nachhaltiger Leistungsfähigkeit – besonders relevant in Hochleistungsumgebungen.
HumanOps als Zielprozess
Wenn wir Human Operations ernst nehmen, dann geht es nicht darum, Menschen an Maschinenrhythmen anzupassen.
Es geht darum, menschliche Systeme so zu gestalten, dass sie langfristig gesund und leistungsfähig funktionieren können.
HumanOps bedeutet:
- Ziele bewusst machen
- Motive verstehen
- Belastung und Entlastung balancieren
- Stress adaptiv nutzen
- Regeneration als Leistungsfaktor integrieren
- Technik als Werkzeug, nicht als Maßstab begreifen
Das ist keine Wellness-Idee.
Das ist moderne Leistungspsychologie.
Zurück in die Zukunft – ein Fazit
Wir stehen an einem Punkt, an dem Maschinen uns nicht ersetzen, sondern mehr denn je das Potential haben uns zu spiegeln.
Sie zeigen uns:
- wo wir uns selbst überfordern
- wo wir uns wie Maschinen behandeln
- wo wir unsere biologischen Prinzipien ignorieren
- wo wir unsere Motive nicht kennen
- wo wir Leistung mit Funktionieren verwechseln
Human Factors, Human Performance & Limitations sind keine Schwächen.
Sie sind die Grundlage jeder nachhaltigen Leistungsfähigkeit.
Daher scheint das Paradoxe unserer Zeit darin zu bestehen: die Zukunft gehört nicht denen, die funktionieren. Sondern denen, die verstehen, wie Menschen funktionieren.
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Quellen
Baumann, N., & Kuhl, J. (2005). Selbstregulation und Persönlichkeit. Hogrefe.
Damasio, A. (2021). Im Anfang war das Gefühl. Pantheon.
Davidson, S. (2017). An Introduction to Human Operations Psychotherapy. Bloomsbury Academic.
Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2017). Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und Persönlichkeit. Beltz.
Floridi, L. (2019). Die 4. Revolution: Wie die Infosphäre unser Leben verändert. Suhrkamp.
Frank, G., Fritz, H., & Strigel, D. (2020). Powern & Pausieren: Überleben in der Leistungsgesellschaft mit Konzepten aus dem Spitzensport. Edition Essentials.
Hacker, W., & Sachse, P. (2014). Allgemeine Arbeitspsychologie: Psychische Regulation von Arbeitstätigkeiten. Hogrefe.
Hancock, P. A., & Szalma, J. L. (Hrsg.). (2019). Handbuch Human Factors. Springer.
Heckhausen, J., & Heckhausen, H. (Hrsg.). (2018). Motivation und Handeln. Springer.
Kaluza, G. (2018). Gelassen und sicher im Stress. Springer.
Krauss, P. (2023). Künstliche Intelligenz und Hirnforschung: Neuronale Netze, Deep Learning und die Zukunft der Kognition. Springer.
Porges, S. W. (2021). Die Polyvagal-Theorie: Neurophysiologische Grundlagen der Emotionen. Junfermann.
Sweller, J., Ayres, P., & Kalyuga, S. (2011). Cognitive Load Theory. Springer.
[1] Definition: HumanOps ist ein integrativer Ansatz von Selbstführung, der menschliches Verhalten als zielgerichtetes, motivbasiertes und biologisch begrenztes System versteht und darauf abzielt, Belastung, Entlastung, Motivation und Regeneration so zu gestalten, dass nachhaltige Leistungsfähigkeit entsteht.