Coaching kann heute alles sein. Dabei gehen zahlreiche Begrifflichkeiten und deren praktische Handhabung weit auseinander oder fließend ineinander über, sodass man schnell den Überblick verliert. Doch das klassische Beratung und Training nicht Coaching sein müssen und Therapie unabhängig einer Approbation gelingen kann, zeigt dieser Beitrag.
Was bisher geschah
Aus Teil 1: Das heutige Coaching hat seine Wurzeln in der Antike, als Philosophie, Wissenschaft und Lebenskunst untrennbar miteinander verbunden waren. Sokrates formulierte es treffend: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, eine Haltung, die im Coaching von entscheidender Bedeutung ist.
Mechthild Erpenbeck bezeichnet es als „Wirksam werden im Kontakt“. Und, soviel sei vorweggenommen: Wirksamkeit entsteht nicht durch Ausbildungen und Zertifikate, sondern durch Haltung, Präsenz und Stabilität des Prozesslenkers – unabhängig ob Therapeut, Coach oder Arzt.
Es geht im Coaching darum, blinde Flecken aufzudecken und sich auf Augenhöhe weiterzuentwickeln – ein Sparring mit dem Gegenüber, ohne die Rolle eines Lehrers oder Erziehers einzunehmen. Starthilfe verkommt dabei nicht zur Abhängigkeit.
Im zweiten Teil sehen wir auf die Begrifflichkeiten Mentaltraining (inkl. Mindset, Kognition, psychische Fitness) und Therapie. Eine begriffliche Mixtur, die im Kontext von Human Performance, psychologischer Beratung und Therapie nur schwer auseinander zu halten sind.
Was ist Mentaltraining?
Mentaltraining, wie es von der Sportmentaltrainerin Yvonne Meyer beschrieben wird, ist ein Training der Gedanken, das direkt und aktiv unsere Handlungen unterstützt. Training, also die systematische und geplante Steuerung durch Übung, setzt ein Ziel voraus. D.h. es handelt sich um gesunde Menschen mit Klarheit der Zielvorstellungen. Ein Coachingprozess, der diese Klarheit vorab erwirkt hat, wäre denkbar.
Hans Eberspächter, ein Pionier des Mentaltrainings, betont:
„Mentaltraining ist das bewusste Steuern innerer Prozesse.“
(Eberspächter, H.: Mentales Training im Sport)
Bevor wir bewusst steuern, braucht es also ein Bewusstsein über die inneren Prozesse und die Komplexität des menschlichen Systems, das ein gutes Coaching abdeckt.
Zu diesen inneren Prozessen gehören unsere Kognition (Gedanken, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitung) und unsere Emotionen (Gefühle, Stimmungen, Befindlichkeiten) und letztlich unsere Persönlichkeit. Unser oft zitiertes Mindset (Gedanken und Geisteshaltung) bestimmen dabei letztlich unserer Persönlichkeit und unser Erleben mit.

Wir können Kognition, speziell Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, gezielt lenken, Informationsverarbeitung effizienter machen und insgesamt schneller Lernen. Dafür ist Mentaltraining bestens geeignet. Wir können Handlungen, Gedanken und Emotionen bewusst machen und beeinflussen – Selbstführung. Unsere psychische Fitness, also die innere Stabilität und Agilität unter Druck und Rückschlägen, kann durch Mentaltraining gestärkt, durch Coaching aber überhaupt erst bewusst gemacht werden. Daher sollte gezieltes Training auch erst nach einem vorherigen Coaching stattfinden. Sonst trainieren wir in eine unpassende Richtung, die wir vorher hätten abstecken können.
Mentaltraining nach Eberspächers Definition geht aber weiter, denn mental umfasst landläufig nicht nur unsere rationalen und verstandesgemäßen Prozesse unseres Inneren, sondern auch unsere Emotionen. Sie wahrzunehmen, kritisch zu hinterfragen und dann bewusst zu wählen und zu handeln ist dann ebenfalls Ziel des Mentaltrainings. Somit wären Mentaltraining und Selbstführung sehr eng miteinander verwoben.
Sollte eben dieser Prozess nicht mehr so recht funktionieren, andere Themen diese Prozesse blockieren, könnte Therapie ins Spiel kommen.
Was ist Therapie?
Der Begriff Therapie, von griechisch „therapeia“, bedeutet „Dienst, Pflege, Heilung“. Dabei ist diese Heilung oder der Dienst und die Pflege am Menschen per definitionem und dem antikem, ursprünglichen Verständnis, keineswegs an standardisierte Ausbildungen geknüpft.
Psychologische Psychotherapie bezieht sich auf die professionelle Behandlung von psychischen Störungen durch speziell ausgebildete Therapeuten. Das heißt: Diplom-/Masterstudium in Psychologie und anschließender Ausbildung und Approbation zum psychologischen Psychotherapeuten gem. PsychThG. Sie umfasst Methoden der Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, tiefenpsychologische Ansätze und auch Systemischer Therapie. Gerade an letzterem, seit 2018 als Richtlinienverfahren anerkannt, zeigt sich: es sind wenige, empirisch gut erforschte Verfahren zugelassen. Das erzeugt hohe Standardisierung und Wirksamkeit bei psychischen Störungen. Diese Störungen sind bspw. in der ICD 10 – Internationale Klassifikation der psychischen Störungen – beschrieben. Engt aber auch in den Möglichkeiten der Behandlung ein und ist rechtlich klar reglementiert. Vorteile sind die gezielte Behandlung klinischer Störungen. Lange Wartezeiten sind die bekannten Folgen hoher Ausbildungshürden, hoher Nachfrage und der einschränkenden Notwendigkeit Psychotherapie an ein kassenärztliches System zu binden – ein Boost für’s Coaching.
Störungen definieren indirekt ein Normal
Statt den Fokus immer nur auf psychische Defizite und Störungen zu legen, wie es lange bspw. bei Freud, Jung oder Rohrschach der Fall war, befasste sich die Psychologie spätestens seit den 90er Jahren auch gezielt mit den Aspekten, die das Leben lebenswert machen. Von Maslow, Bandura, Seligman und Reivich, über Csikszentmihalyi fokussieren sich zunehmend mehr Psychologen auf das, was Menschen stärkt, glücklich sein lässt und nicht mehr nur Mangel, sondern Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt. Die Positive Psychologie rückte den Fokus auf das, was Menschen „aufblühen lässt“ (Seligman). Damit vollzieht die Psychologie eine Trendwende – zurück zu dem was die antiken Philosophen längst als Eudaimonia – die Glückseligkeit als höchstes Gut – verstanden.

Kritik gegenüber dem aktuellen, stark reglementierten und mit hohen Hürden versehenem Psychotherapeutenmarkt kam auch mit der Implementierung des Psychotherapeuten nach dem Heilpraktikergesetzes auf. Mit Nachweis der rechtlichen, psychologischen und therapeutischen Kenntnisse können nach Prüfung beim Gesundheitsamt auch Menschen die Praxis der Psychotherapie anwenden – mit deutlich weniger strikten Vorgaben. Die Freiheit in der Wahl der Verfahren ist für viele Klienten eine willkommene Alternative, wenn klassische kassenärztliche Psychotherapie an ihre Grenzen stößt. Unkonventionelle Verfahren passen mitunter besser zu individuellen Anliegen.
Weitere bekannte wirksame Therapieformen sind z.B. auch Physio-, Paar-, Familien-, Sexual-, Trauma- und Kunsttherapie. Die Palette dessen, was es an Therapierichtungen, auch außerhalb der deutschen Krankenkassen gibt, ist groß.
Mehr noch: Der Markt boomt, wie auch die zahlreichen Apps und online Angebote zu mentaler Gesundheit zeigen.
Kritische Betrachtung der Therapie
Nicht jede „mentale“ Angelegenheit, nicht jede innere Verstimmung ist ein Fall für den Psychotherapeuten. Wir leben nur zu oft in einer Welt, die meint, wenn etwas innerlich, im Verhalten oder Denken/Empfinden nicht „normal“ ist, wir gleich einen Psychologen brauchen, der uns wieder richtet. Dann begeben wir uns stillschweigend in eine Abhängigkeit, ohne dass wir sie auch immer brauchen. Therapie sollte nur „von oben“ durch einen „Experten“ auf den „Gestörten“ erfolgen, wenn dieser nicht mehr allein in der Lage ist, sich zu heilen, wenn Selbstheilungskräfte defacto erloschen sind. Therapie sollte – und das unabhängig der rechtlichen Stellung – die natürlichen Selbstheilungskräfte aktivieren und stärken. Alles andere ist Abhängigkeit, baut keine Kompetenz auf und wir werden Patient auf Lebenszeit.

Im Coaching habe ich erlebt, dass die individuell wahrgenommenen Leiden durchaus viele Jahre durch Therapeuten begleitet wurden. Doch es führte zu einer Art Sucht: „Mein Buch des Leidens aus dem ich 10 Jahre meinen Psychotherapeuten immer wieder berichtete, gab mir Zufriedenheit“, wie ein Klient berichtete. Die eigentlichen Ursachen des wahrgenommenen Leidens blieben hinter der oberflächlichen Befriedigung, „jemand nimmt mich ernst und schenkt mir Aufmerksamkeit“ unbehandelt. „Krankheitsgewinn“ a la Sigmund Freud par excellence.
Therapie muss also nicht zwingend ein Prozess sein, der ausschließlich von psychologischen Psychotherapeuten durchgeführt wird. Während die professionelle Behandlung bei schweren klinischen Störungen notwendig scheint, können auch stabile Personen wie Coaches, Freunde oder Mentoren in weniger schweren Fällen wirken.
Heilen – ein schwieriger Begriff
„Medicus curat, natura sanat“
Der Satz „Der Arzt behandelt, die Natur heilt“ beschreibt treffend die Herausforderung der Heilung. Es geht nicht nur um die Behandlung von Symptomen, sondern um eine ganzheitliche Betrachtung, die auch im Coaching und Mentaltraining ihren Platz hat. Aber egal ob Coach, Therapeut oder Arzt: Wer nicht ganzheitlich betrachtet wird, wird auch nur fragmentierte Ergebnisse erhalten – eine Pille hier, ein Attest dort und wieder ab zu Arbeit. Symptome der Störung ade und wieder rein in den Alltag. Bleiben die Ursachen unbehandelt, schaffen wir nicht die Rahmenbedingungen, dass sich unser System wieder einpendeln kann.
Abgrenzung: Mentaltraining, Therapie, Coaching
Die Praxisbeispiele verdeutlichen die Unterschiede und Überschneidungen der Methoden. Die ethischen Grenzen und Verantwortlichkeiten der Praktizierenden sind entscheidend, um eine klare Abgrenzung und effektive Unterstützung zu gewährleisten.
Wir brauchen keinen Babysitter. Die Allermeisten brauchen einen stabilen Prozessbegleiter, der nicht im endloser Sitztherapie die Leiden anhört, sondern der die nötigen Anstöße gibt, damit derjenige selbst zu einer Verbesserung der wahrgenommenen Lage beiträgt. Dabei ist der Begriff wohl eher nebensächlich: Mentaltraining, oft zur Leistungssteigerung eingesetzt, Coaching ob beruflich oder privat oder Therapie, sie alle sollen den Status Quo verbessern. Der Kontext ist entscheidend.
Zukunftsperspektiven & Worauf es ankommt
Die Digitalisierung und der Einsatz neuer Technologien werden die Zukunft von Coaching, Mentaltraining und Therapie maßgeblich beeinflussen. Die wachsenden Bedürfnisse der Klienten erfordern innovative Ansätze, um eine effektive Begleitung zu gewährleisten. Einerseits bedient es das erwachende Bewusstsein der Gesellschaft über psychische Prozesse. Andererseits ist und bliebt es ein großer Markt, der durch Personalmangel in Organisationen und unser steifes Krankensystem verstärkt wird. Ob Digitalisierung und KI-Coaching psychologische Interventionen am Menschen wirklich revolutionieren wird sich zeigen. Letztlich wollen aber die meisten Menschen im Businesscoaching, im Sport-Mentaltraining, im Life-Coaching oder Therapien ein menschliches Gegenüber spüren.
Der Schlüssel zum erfolgreichen Coaching, das Mentaltraining und Therapie inkludiert, liegt in der Wirksamkeit des Kontakts. Zuhören, Spiegeln, gezielte Interventionen und eine stabile Präsenz sind entscheidend. Dies erfordert kontinuierliche Selbstführung und Supervision, um die Qualität der Begleitung zu sichern.
Dahingehend überschneiden sich professionelle Prozessbegleiter in Ihrer Praxis.
Schlussgedanken
Mentale Probleme sind nicht das Problem, sondern unsere Unmündigkeit damit umzugehen. Wir haben nur allzu oft im Sinn, dass alles was den „Kopf“, Mindset oder „Seele“ betrifft der Fall für einen Arzt oder Psychologen sei. Doch dabei ist nicht die Notwendigkeit eines Fachmannes, der uns wieder ins Lot bringt das Notwendige, sondern oft nur Ausdruck unserer Unkenntnis über psychologische Prozesse in uns das geläufigere Problem. Wer lernt schon standardisiert in der Schule psychologisches Grundlagenwissen, Philosophie und die mentalen Werkzeuge, sich selbst zu reflektieren, zu stabiliseren oder zu führen? Das Wissen über die Wirksamkeit von Journaling, Atemübungen zur Nervensystemregulation, systemischer Zusammenhänge von Physis und Psyche sind lange vorhanden. Nur spiegeln sie sich nicht im gesellschaftlichen Alltag wider – es ist keine Normalität. Vielleicht ließen sich viele Anlässe zu einem Psychotherapeuten zu gehen auch dadurch reduzieren, weil Menschen kompetent sind, sich in vielen Situationen selbst zu helfen.
Schweren Leiden und Funktionseinschränkungen Betroffener sollten je nach Schwere definitiv von einem gut ausgebildeten Experten betreut werden, der Stabilität, Haltung und Fachlichkeit vereint.
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Literaturempfehlungen
Mechthild Erpenbeck: Wirksam werden im Kontakt
Dr. Andreas Becke: Wie stoisch ist der stoische Weise?
Hans Eberspächer: Gut sein wenn’s drauf ankommt
Hans Eberspächer: Mentales Training
Müsseler/Rieger: Allgemeine Psychologie
Beermann/Hermans: Systemische Psychotherapie