Was die US Army über Resilienz weiß – und was das für unsere Selbst-Führung bedeutet
Stellen Sie sich vor: Sie sind Soldat in einem anspruchsvollen Einsatzgebiet. Stress, Unsicherheit und Gefahr sind Alltag. Was brauchen Sie, um nicht nur zu überleben, sondern handlungsfähig zu bleiben, auch wenn es schwer wird?
Die US Army jedenfalls hat darauf eine klare Antwort gefunden, wesentlich früher als in Deutschland überhaupt institutionell vorstellbar. Und die Antwort hat wenig mit dem zu tun, was man vielleicht erwarten würde. Keine härteren Drills, keine dickeren Panzer, kein „Geheim-Trick“ oder Master-Methode. Sondern: „Hunt the good stuff“
Whats Insight?
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Hunt the good stuff ist der Name einer Übung aus dem Comprehensive Soldier Fitness Program (CSF2), dem größten Resilienz-Trainingsprogramm der Welt. Über 1,1 Millionen Soldaten und ihre Familien haben damit trainiert. Die Erkenntnis dahinter: Mentale Stärke entsteht nicht durch das Ausblenden von Problemen, sondern durch die bewusste Fähigkeit, auch unter extremem Druck das Funktionierende zu sehen.
Und genau das fehlt den meisten Menschen und damit auch Unternehmen. Doch wer die andere Seite nicht mehr sieht, ist weit davon entfernt, Peak-Performance zu erbringen.
Unser Gehirn austricksen
Unser Gehirn ist ein Überlebenskünstler. Evolutionär ist es „programmiert“, Gefahren zu entdecken, bevor sie uns erwischen. Das Problem: In der Steinzeit war das überlebenswichtig. Heute kostet es uns Performance.
Negativity Bias (Negativitäts-Fehler) nennt die Wissenschaft das Phänomen: Menschen neigen dazu, das Negative schneller zu sehen und stärker wahrzunehmen als das Positive. Negative Informationen werden schneller verarbeitet, stärker gewichtet und länger gespeichert. Fünf positive Ereignisse braucht es, um ein negatives auszugleichen. Das ist Neurobiologie und Psychologie, die wir kennen müssen, wenn wir diesen mentalen Fallen nicht zum Opfer fallen wollen.
Der Negativity Bias erscheint evolutionär sinnvoll, im modernen Berufs-Dschungel limitiert es häufig.
Für uns bedeutet das:
- Wir sehen systematisch mehr Probleme als tatsächlich existieren
- Wir übersehen schnell funktionierende Systeme und Prozesse
- Wir spüren (oft unbewusst), dass Fehler mehr Aufmerksamkeit bekommen als Erfolge
- Wir treffen Entscheidungen auf Basis verzerrter Daten
Beispiel
| Ein Projekt läuft zu 90% nach Plan. Aber im Meeting reden alle wieder 80% der Zeit über die 10%, die nicht funktionieren. Wir verlassen den Raum mit dem Gefühl, zu versagen – obwohl objektiv fast alles stimmt. Das ist nicht nur demotivierend, sondern auch gefährlich, weil es Innovation tötet, Risikobereitschaft senkt und psychologische Sicherheit zerstört. Es ist gewissermaßen der Bild-Zeitungs-Effekt: unser Hirn stürzt sich auf die 5% Skandale und „Probleme“, statt auf die einfach-guten Dinge im Leben… |
Was die Army anders macht
Im CSF2-Programm ist Hunt the good stuff keine Motivationsphrase, sondern eine konkrete Übung mit klarem Ziel: Das Gehirn trainieren, Erfolge genauso schnell zu erkennen wie Probleme.
Die Übung ist simpel: Soldaten notieren täglich drei Dinge, die gut gelaufen sind. Aber – und das ist entscheidend – mit der Frage: Warum ist es gut gelaufen? Was war mein Anteil daran?
Das „Warum“ macht den Unterschied. Es geht nicht um oberflächliches Schönreden. Es geht um Mustererkennung, um LERNEN. Wenn wir verstehen, warum etwas funktioniert hat, können wir es wiederholen. Denn es sind letztlich nicht heroische Einzelaktionen, sondern die Summe unserer tausenden Microhabits – die verlässliches Verhalten unter Druck erschaffen. Die Profis wissen das. Wenn wir aber wieder nur Fehler fokussieren, lernen wir wieder nur, das wir ein Stück weiter versagt haben und was vermieden werden soll – nicht, was was wir tun können. Die Frage ist doch, was wollen wir kultivieren: das Bildzeitungs-Prinzip oder die stärkenden Routinen?
Was es braucht ist ein Mindset-Wandel! Sind Sie bereit dafür? Weg vom „Alles ist Mist“, hin zum „Es kann klappen, wenn…“ Unsere Sprache ist dabei nur allzu oft Ausdruck unseres Mindset’s.
Die Ergebnisse sprechen für sich: Soldaten, die das Programm durchlaufen haben, zeigen messbar höhere Resilienz, weniger PTSD-Symptome und bessere Leistung unter Stress. Nicht weil sie härter geworden sind. Sondern weil sie gelernt haben, ihre Wahrnehmung zu steuern.
Das Kernwerkzeug: Three Good Things
Drei Fragen, fünf Minuten. Mehr nicht. Jeden Tag. Klingt zu simpel? Es lenkt unsere Gedanken kontinuierlich auf das, was gut lief und geklappt hat, auch wenn es noch so kleine Dinge sind. Wir richten den Fokus auf das, was sonst in Stress und Troubleshootings verloren geht: der Blick auf das Positive. Das ist keine Schönfärberei. Das ist mentales Kontrastieren.
Die drei Fragen:
1. Was ist heute gut gelaufen?
2. Warum ist es gut gelaufen?
3. Was war mein Anteil daran?
(4. Was bedeutet es für mich? 5. Was kann ich tun, um mehr davon zu erreichen?)
Wir können natürlich weiterhin ständig die Gedanken um die Probleme und Herausforderungen abwärts kreisen lassen. Nur, wohin führt das? Wohl kaum zu der Resilienz, die wir brauchen, wenn es drauf ankommt.
Statt einem psychologischen Effekt ausgeliefert zu sein, entscheiden wir nun bewusst, uns dem zuzuwenden, was wir geschafft haben. Das wird Konsequenz brauchen. Aber diese Routine wird langfristig die Gedanken so „programmieren“, dass wir in wirklich fordernden Phasen immer nach dem suchen, was wir haben, nicht was wir angeblich brauchen. Wir sehen dann Möglichkeiten statt Problemen. Wir handeln, statt uns freiwillig in die Opferrolle zu begeben.
„Nur was bewusst ist, kann gesteuert werden – oder es steuert uns.“
Wichtig: Handschriftlich! Kein Smartphone. Die neuronale Verarbeitung ist nachweislich stärker, wenn wir mit der Hand schreiben.
Interessiert Sie das? Lesen Sie hier mehr über Journaling, eines der stärksten Selbstführungs-Werkzeuge.
Vom Ich zum Wir: Hunt the good stuff im Team
Diese Übung eignet sich, bei höherem Zeitansatz, auch für Ihr Team oder Ihre Organisation. Probieren Sie es regelmäßig (!) aus. Es kann als kurzes „Daily“, Mission Debriefing, Projektauswertung, Evaluierung, Lagebesprechung und vieles mehr genutzt werden.
Struktur für Teams (Beispiel):
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What’s working? Was funktioniert bereits? (20 Min.)
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What’s not? Was läuft noch nicht rund? (15 Min.)
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What will we try? Was probieren wir als nächstes? (10 Min.)
Zeitlimits einhalten. Sonst frisst das Problem wieder alles. Damit wird langfristig ein gemeinsames Mindset kultiviert, das auf Handeln statt Klagen ausgelegt ist und kann damit auch in Teamgefügen und in der gesamten Organisation eine Kultur erschaffen, die von wahrer Resilienz getrieben ist. Kleine Routine, großer Impact.
Alles Schönfärberei?
Sind wir ehrlich: Probleme müssen benannt werden! Fehler müssen analysiert werden! Kritik muss möglich sein! Gleiche Fehler wiederholen wäre nicht schlau!
Es geht um „Balance“, also um die Fähigkeit, die Realität vollständig zu sehen – nicht nur den Teil, den unser Gehirn automatisch ansteuert.
Die US Army hat Hunt the goof stuff nicht aus Nettigkeit eingeführt. Sondern weil Soldaten, die nur Gefahren sehen, schlechte Entscheidungen treffen. Weil Teams, die nur Fehler diskutieren, ihre Stärken nicht nutzen. Weil Führungskräfte, die chronisch defizitorientiert sind, ausbrennen. Die Pennsylvania University, Mutterhaus des Master Resilience Training der US-Army, nennt die Fähigkeit, angesichts von Rückschlägen und Widrigkeiten noch das Positive zu sehen und nicht im Strudel des Negativen zu versinken AUTHENTIC HAPPYNESS
Kurzum: Wer nur das Negative fokussiert ist in einer Abwärtspirale und weit entfernt von Zufriedenheit, Performance und Lebensglück.
Was jetzt zu tun ist
Machen Sie es! Vier Wochen durchziehen, konsequent – und beobachten Sie, was sich verändert. Und: If it’s working, don’t tough it! Machen Sie Hunt the good stuff zu Ihrer Gewohnheit, bis es Teil Ihres Lebens wird.
Der Negativity Bias ist mächtig, weil er unbewusst läuft. Aber er ist nicht unveränderbar. Die Fähigkeit, bewusst auf das Funktionierende zu fokussieren, ohne das Problematische zu ignorieren, ist vielleicht die wichtigste Metakompetenz moderner Führung und Selbst-Führung.
Hunt the good stuff: Nicht weil die Welt nur gut ist. Sondern weil wir nur so die ganze Welt sehen. Und nur dann können wir sie auch verändern, oder einfach genießen…
Sie wollen mehr oder Kritik äußern? Nehmen Sie Verbindung auf und schildern mir, was sich bei Ihnen verändert hat, so wie es bereits Profis aus Leistungssport, Militär oder Luftfahrt vor Ihnen getan haben.
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Weiterführendes
- US Army Comprehensive Soldier Fitness Program (CSF2)
- Seligman, Martin: Flourish (2012)
- Hanson, Rick: „Hardwiring Happiness“ (2013)
- Gottman, John: The Relationship Cure (2001)
- Haynes, John: Hunt for the good stuff (2024)